Schiffsarzt Dr. Winfried Koller

Medikus auf den Weltmeeren

Schiffsarzt Dr. Winfried Koller fährt seit über 25 Jahren zur See
und hat Erkältungen schon in allen Ecken der Welt behandelt. Auf MS ARTANIA nimmt er uns mit zu einem persönlichen und fachlichen Praxisbesuch.

Winfried, wie bist du aufs Schiff gekommen?
Das war reiner Zufall. Meine Frau ist Brasilianerin und ich hatte eine eigene Praxis in München. Mein Leben war also schon immer vom Reisen geprägt. Wie es das Leben so will, erzählte mir eine Bekannte, dass Ärzte für Kreuzfahrten gesucht werden. Da ich sehr gerne reise, wurde ich neugierig und probierte es aus. Inzwischen bin ich seit über 25 Jahren auf dem Schiff unterwegs – anfangs in Vollzeit und später in Teilzeit. Die letzten 15 Jahre habe ich im Wechsel vier bis sechs Monate an Bord und die restliche Zeit bei meiner Familie in Brasilien und als Praxisvertretung in München verbracht.

Erinnerst du dich noch an deine erste Schiffsreise?
Ja, natürlich. Ich bin in Acapulco eingestiegen und diese Reise ging in die Südsee. Das war ein toller Start meiner neuen Berufslaufbahn (lacht).

Was hat dich daran fasziniert, auf dem Schiff zu sein?
Es ist eine schöne Mischung, seinen Beruf auszuüben und die Welt kennenzulernen. Durch diese Reisen bin ich in fast jede Ecke der Weltmeere gekommen. Als Crewmitglied arbeitet man nicht nur an Bord, sondern richtet sich dort sein Leben ein. Die Besatzung ist Familie und Freundeskreis zugleich. Das ist besonders.

Und aus beruflicher Sicht?
Medizinisch hat es auch einen speziellen Reiz, weil man als Schiffsarzt ganz auf sich gestellt ist und auf das eigene Können vertrauen muss. Die jungen Leute sind oft zu technikorientiert, weil es für jede Untersuchung Geräte gibt. An Bord muss man damit zurechtkommen, was da ist. Das ist eine gute Schule, die ich jedem empfehlen kann. Obwohl ich schon lange dabei bin, lerne ich auf jeder Reise noch etwas dazu. Das ist für mich nach wie vor das Reizvolle an meinem Beruf.

„Die Gäste müssen das Gefühl haben, dass sie bei dir in guten Händen sind“

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um Schiffsarzt zu sein?
Zuerst einmal muss man ausreichend Erfahrung mitbringen. Wir nehmen keine Ärzte, die nicht mindestens fünf Jahre Berufserfahrung haben, denn man muss hier schnelle Entscheidungen treffen. Ich bin von Haus aus Orthopäde, habe aber lange die deutsche Hockey-Damen-Nationalmannschaft betreut, deshalb hatte ich auch immer viel mit Allgemeinmedizin zu tun. Außerdem braucht man eine zusätzliche Notfallmedizinausbildung, und Kenntnisse in Kardiologie sind von Vorteil. Die fachlichen Qualifikationen sind aber nur ein Teil der Voraussetzungen.

Und der andere Teil?
Neben den Fachkenntnissen spielen das Zwischenmenschliche und die Kommunikationsfähigkeit eine große Rolle. Als Schiffsarzt bist du eine wichtige Vertrauensperson an Bord. Die Gäste müssen das Gefühl haben, dass sie bei dir in guten Händen sind. Sie können ja nicht zu einem anderen Arzt gehen. Ich mache es wie alle Phoenix-Kollegen und pflege einen sehr offenen und direkten Umgang mit den Gästen. Viele kennen mich aus der TV-Serie “Verrückt nach Meer” und unterhalten sich gerne mit mir. Einige Stammgäste kenne ich seit vielen Jahren. Auf den Weltreisen sind auch schon echte Freundschaften entstanden.Schiffsarzt Dr. Winfried Koller

Wie muss man sich die Ausstattung in einer Bordpraxis vorstellen?
Im Prinzip haben wir alles hier, was wir brauchen: Wir können Blutbilder erstellen und die wichtigsten Werte von Niere und Leber bestimmen. Es gibt Ultraschall-, Röntgen- und EKG-Geräte an Bord sowie eine komplette Notfallausstattung mit Beatmungsgerät und Defibrillator, es ist wie ein kleines Krankenhaus. Mit mir in der Praxis arbeiten zwei ausgebildete Krankenschwestern und bei Weltreisen sind immer zwei Ärzte an Bord. Dann kann ich auch mal Landgänge und Ausflüge mitmachen.

Ansonsten bist du immer an Bord?
Wenn wir in einem Hafen sind, kann ich auch mal für zwei Stunden raus und bin über Handy erreichbar. Ein stundenlanger Ausflug geht aber nicht. Das gibt es nur im Film, dass der Kapitän und der Schiffsarzt zusammen draußen unterwegs sind. Die Brücke und die Praxis sind immer besetzt.

Wie lautet dein wichtigster medizinischer Rat nach 25 Jahren Erfahrung?
Ich habe zwei! Eine Erkältung braucht im Urlaub genauso lange zum Auskurieren wie zu Hause. Das muss ich als Patient leider akzeptieren und eventuell auf den ein oder anderen Landgang und Ausflug verzichten, um mich zu schonen. Mein bester Tipp gegen Seekrankheit lautet: Immer etwas Festes wie Nudeln, Kartoffeln oder Reis im Bauch haben, damit ein flaues Gefühl im Magen gar nicht erst aufkommt.

Danke, das ist sehr hilfreich.
Eine Frage hätten wir noch: Nach so vielen Jahren auf See – was bedeutet Wasser für dich?
Ich habe zwar lange in München gelebt und mag die Berge zum Skifahren, aber wenn ich nicht auf See bin, lebe ich in Rio de Janeiro am Meer. Mehr Wasser geht nicht.
So liebe ich das Leben!

Rio de Janeiro
Rio de Janeiro

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